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BOM für FAI
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Originaltext in englisch gibt es hier

Seit vielen Jahren beobachte ich die amerikanische Kunstflugszene und ihre Diskussionen über die BOM-Regel. BOM= Builder of Model; in der Open-Klasse auf den amerikanischen Meisterschaften (und nur dort) muss der Teilnehmer Erbauer des Modells sein. Für FAI-Piloten ist diese Diskussion ohne Belang und erscheint total überflüssig, solange sie diese Szene nicht intim kennen. Aus Gründen , die ich im Detail nicht erklären kann, hat die FAI die Erbauerregel schon lange abgeschafft. Deshalb machen sich FAI-Sportler über dieses Thema keine Gedanken. Die meisten Nationen (wie auch Deutschland) übernehmen die FAI-Regeln automatisch für ihre internationalen Klassen. Wenn die Mehrheit der Wettbewerber mit diesen Regeln nicht einverstanden ist, gibt es immer die Möglichkeit, über Regeländerungs-Anträge Einfluss auf das Geschehen zu nehmen. Offensichtlich sind die Piloten aber im allgemeinen glücklich mit dem, was sie heutzutage haben. Abgesehen von einigen recht heftigen K-Faktor-Diskussionen vor kurzem hatten die Kunstflugregeln seit langem unverändert Bestand. Für drastischen Wechsel war kein Bedarf. Aber die Zeiten ändern sich. Es scheint, dass die BOM-Idee auch FAI- Gemüter bewegt.
Als nur-Zuschauer bei den Weltmeisterschaften 2008 in Landres hatte ich genügend Zeit, die Speicherkarte meiner Digitalkamera mit Aufnahmen von schönen Modellen zu füllen. Beim offenen Training wartet gewöhnlich eine große Anzahl Piloten auf einen Flug, und ihre Flugzeuge stehen in einer langen Reihe. Eine perfekte Möglichkeit für den Fotografen, ein Bild von jedem dieser schönen Flugzeuge zu schießen. Leider sahen eine Menge dieser Maschinen doch recht ähnlich aus, viele unterschieden sich nur in der Lackierung. In einem Falle waren 8 von etwa 25 Modellen vom gleichen Design; darunter bis zu 6 hintereinander !
Es ist nicht nur MIR aufgefallen. Wir sind es ja gewöhnt, so gut wie das selbe Modell an jeder Team Race-, Speed-, oder Combatleine hängen zu sehen (ich wundere mich, wie sie ihr eigenes Modell in der Menge entdecken, wahrscheinlich hilft die Startnummer auf dem Flügel). In Kunstflugkreisen ist das ein neues Bild. Einige Leute schienen betroffen, um es milde auszudrücken. Und einige Kommentare hörten sich nicht sehr wohlwollend an.
In dieser Situation erscheint es mir angebracht, sich über dieses Thema mal zu unterhalten. Die verschiedenen Meinungen dazu sind wohlbekannt. Diejenigen, die das BOM-Thema in den USA debattieren, haben die Argumente schon zu Tode diskutiert. Während einige Ideen durchaus Sinn machen, sind andere Punkte schlicht vergessen worden  -  und die sind mitunter die wichtigsten. Bevor nun irgendwelche unbedachten Regeländerungen gefordert werden, sollte man sorgfältig die Argumente sortieren und sie auf ihre Bedeutung, ihren Wert, und ihre Ehrlichkeit überprüfen. Fangen wir mal mit den Argumenten der Befürworter an.

  1. das am häufigsten genannte Argument ist der Mangel an Zeit zum Bauen, und ich habe auch keinen Zweifel, dass dies in einigen Fällen zutrifft.
  2. Menschen, die in dieser modernen Welt aufwachsen, sehen, dass man Dinge kaufen kann. Für sie ist es selbstverständlich, sie zu kaufen. Manche kommen nicht mal auf die Idee, etwas selbst herzustellen. Das kann man verstehen, wenn man in ein durchschnittliches Modellbau-Geschäft schaut. Und es gibt sogar jene, die nicht mal WISSEN, dass man etwas selbst erstellen kann !
  3. In dieser Welt der „Machbarkeit“ erscheint es durchaus logisch, zu nutzen, was moderne Technologie und gehobener Lebensstandard bieten. Schließlich benutzen wir zum Transport auch das Auto und spannen kein Pferd vor die Kutsche.
  4. In der Vergangenheit waren fertig gebaute, lackierte, und eingeflogene Modelle einfach nicht erhältlich. Was hätten WIR gemacht, wenn es sie gegeben hätte ?!
  5. Es gibt das gut bekannte Argument, in dem unsere Aktivitäten mit anderen Sportarten verglichen werden; etwa: „Michael Schumacher baut seinen Ferrari-Racer auch nicht selbst“. Das Argument hat einen Haken. Abgesehen davon, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden, kann Michael auch nicht die Konstrukteurs-Wertung gewinnen, die geht extra. Und außerdem sollten wir uns überlegen, was Fesselkunstflug ist und wie wir ihn haben wollen.
  6. In dieser Welt des „ sofortigen  Erfolgserlebnisses“ ist es unpopulär, lange und hart für einen Erfolg zu arbeiten, der möglicherweise erst in ferner Zukunft eintritt. Das schreckt viele Leute ab. Die Umkehrung dieses Gedankens führt zu „kaufen“; wir dürfen auch die Zukunft unseres Sports nicht ignorieren. Einige kleine Modifikationen mögen helfen oder nötig sein.
  7. Das letzte Argument ist die Frage nach der Regel. Zwar betrachte ich das nicht als ein essentielles Thema, solange es um den Inhalt unseres Tuns geht und um die Werte, die es bieten kann. In der realen Welt müssen wir jedoch Regeln haben. Das Problem mit den Regeln ist: a) eine Mehrheit muss bereit sein, sie zu akzeptieren; b) sie müssen klar definiert sein; c) es muss möglich sein, sie durchzusetzen und Regel-Missbrauch und -Verletzung zu verhindern. Ich sehe leider keine Möglichkeit, eine „kugelsichere“ Regel zu erstellen, zu formulieren, und praktisch durchzusetzen.

Das bisher Gesagte scheint zu bestätigen, dass der Schreiber dieser Zeilen ein überzeugter Gegner von BOM  oder ähnlicher Gedanken ist. Moment noch  -  es gibt auch andere Argumente, und bis jetzt haben wir gerade die Oberfläche berührt. Andere Punkte müssen ebenfalls beachtet werden. Wir sollten nicht eine amerikanische Spezialität vergessen: die „appearance points“ (Punkte fürs Aussehen). Für die, die diese Besonderheit nicht kennen, darf ich kurz erklären. Bevor die offiziellen Durchgänge beginnen, wird das Aussehen aller Flugzeuge beurteilt. Zwei kompetente Individuen bewerten die Qualität der Bauausführung sowie Schönheit, Design, und Qualität der Lackierung  anhand einer sehr detaillierten Prüfliste. Ein Maximum von 20 Punkten wird dann zu der Flugwertung addiert. Mir ist nicht bekannt, wann und wie diese Schönheits-Punkte entstanden sind. Ich will mal ein wenig träumen: vielleicht waren Kunstflug-Modelle in der Vergangenheit hässliche Kisten. Ein schlauer Kerl versuchte, die Punktrichter nicht nur mit seinen Flugkünsten, sondern auch mit einem schönen Modell zu beeindrucken. Da er Erfolg hatte, hatte er natürlich Nachahmer. Dies führte dann zu einer Art inoffiziellem Wettbewerb untereinander. Denn jeder ist schließlich stolz darauf, etwas gut gemacht zu haben; auch wenn er dafür nicht direkt belohnt wird. Früher oder später führte das dann zu einem offiziellen Wettbewerb, den „appearance points“ ( man möge mich berichtigen, wenn das falsch ist). Da zu jener Zeit fertige Produkte nicht erhältlich waren, musste zwangsläufig jeder sein Flugzeug selbst entwerfen, bauen, und lackieren. Selbstverständlich machen Schönheits-Punkte nur unter dieser Vorgabe einen Sinn. Und deshalb sind sie untrennbar mit der BOM-Regel verbunden. Nun könnte jemand argumentieren, dass Schönheits-Punkte eigentlich unnötig seien und wir lediglich einen Flug-Wettbewerb haben, in dem Schönheit keinen Platz hat. Das klingt ja durchaus rational, ich wage jedoch zu widersprechen. Ist es nur reiner Zufall, dass viele in unseren Reihen Musiker oder Maler oder Künstler sind? Schließlich HAT Kunstflug mit Schönheit und Harmonie zu tun. Würden wir uns sonst bemühen, schöne Flugfiguren in den Himmel zu malen, wenn wir kein Auge und kein Bedürfnis für Ästhetik hätten? Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Kunstflieger der Idee zustimmt, dass ein Kunstflugzeug (mindestens) „hübsch“ aussehen soll.
Das alles muss nun nicht heißen, dass ich unbedingt diese appearance points-Idee favorisiere. Schon gar nicht, wenn sie zur Flugwertung hinzugezählt werde  -  und das bei jedem Flug, wohlgemerkt! Dieses Thema kann separat behandelt werden. Es werden auch schon andere Möglichkeiten praktiziert, wie z.B. die „Piloten-Wahl“ (die Piloten wählen das schönste Flugzeug, und der Erbauer erhält einen extra Pokal). Wer schon jemals diese atemberaubende Sammlung von aufregend schönen Modellen beim “appearance judging“ in einer großen Halle auf den US-Meisterschaften gesehen hat, ist für immer versaut und versteht den Wunsch nach diesem Schönheits-Wettbewerb. Zwar sehe ich keineswegs eine Chance, den bestehenden Regeln irgendeine ähnliche Prozedur hinzuzufügen  -  aber ich muss zugeben: ich hätte nichts dagegen! Aber das würde natürlich eine wie auch immer geartete BOM-Regelung verlangen.
Aber zurück zum Haupt-Thema. Bis jetzt wurden nur NoBOM-Argumente aufgeführt. Kommen wir zu den Stimmen, die sich stark machen für BOM  -  man sollte vielleicht besser sagen: die Argumente, die das Selbst-Bauen hochhalten, fördern, und empfehlen (denn das ist wahrscheinlich  -  insgeheim  -  der springende Punkt). Leider gibt es keine kurzen und klaren Aussagen zur Verteidigung. Das Problem ist: die Befürworter der (sagen wir mal) „Bau-Philosophie“ beziehen ihre Argumente aus einer bestimmten Denkweise und Geisteshaltung, die nachvollzogen und akzeptiert werden muss, um ihre Argumente verstehen zu können. Wie immer gibt es auch hier die „andere Seite der Münze“. Es gibt eine ganze Reihe von Argumenten die BOM unterstützen, und zwar kräftig. Vorher sollen jedoch noch jene Argumente angeführt werden, die die Sache zu unterstützen SCHEINEN, in Wirklichkeit aber mehr schaden als nützen. Eines dieser Argumente ist „Tradition“. Es heißt (besonders in Amerika), dass Kunstflug niemals nur ein reiner „Flugwettbewerb“ war. Und dass alle Sieger schön in der Tradition jener stehen sollten, deren Namen bereits auf jenem berühmten „Walker CuP“ (die höchste Trophäe im amerikanischen Kunstflug) eingraviert sind. Und dass schließlich diese Tradition einen Wert in sich selbst darstellt und folgerichtig fortgesetzt werden müsse. Sorry, Leute, da muss ich widersprechen. Für mich hat Tradition als Argument keine Bedeutung. Zwar verachte ich Tradition nicht, aber ihre Fortführung muss einen Sinn ergeben. Wir sollten übernehmen, was Sinn macht, was praktisch ist, was in unsere moderne Welt passt, was Werte enthält und weitergibt, und was uns hilft, die Zukunft zu bewältigen. Tradition um ihrer selbst willen macht keinen Sinn. An überholtem Denken festzuhalten kann leicht negative Folgen nach sich ziehen. Darf ich vorschlagen, das beste zu übernehmen, das überholte fallen zu lassen und mit Zeitgemäßem zu ersetzen. Tradition ist ein schlechtes Argument. Man hat sofort eine Menge schlagkräftiger Argumente gegen sich und findet keine zur Verteidigung.
Ein weiteres Argument unserer amerikanischen Freunde: ohne Schönheits-Punkte werden die Wettbewerber einfache, funktionelle, und letzten Endes hässliche Flieger bauen. Was für ein Unsinn. Die Wirklichkeit zeigt, dass  alle Kunstflieger dieser Welt schöne Modelle haben wollen. Die meisten Piloten fliegen unter FAI regeln, wo sie KEINE zusätzlichen Punkte für das Aussehen ihrer Flugzeuge erwerben können  -  und sie bauen trotzdem schöne Flugzeuge. Kunstflieger LIEBEN einfach diese schönen Kreationen, und oft auch einen individuellen Weg, individuelle Wahl von Design, Form, und Farbe. Und da bleibt eben nur, selbst zu bauen. BOM ist kein lästiger Zwang, unerwünschte Vorschrift  -  BOM ist die Konsequenz ihrer Ideen, Mentalität, Wünsche. Sicher, eine appearance points Regelung ist eigentlich überflüssig. Aber, wie schon erwähnt und oben ausgeführt, hat die Idee durchaus ihre Berechtigung. Zumindest unterscheidet sie unsere Kreationen deutlich von bekannten uniformen Massenprodukten anderer Klassen.
Ein weiteres (besonders in den US) beliebtes Argument: „if it ain’t broke don’t fix it“ (frei übersetzt etwa: wenn’s nicht kaputt ist, repariere es nicht). Ein bevorzugtes Argument für die ewig Gestrigen und Faulen. Warum muss etwas erst kaputt gehen, bevor man etwas daran ändert? Alles kann verbessert werden. Es gilt, herauszufinden, wo Verbesserung möglich, sinnvoll, evtl. sogar nötig ist. Das Bessere ist der Feind des Guten.
Nach all dem Gesagten möchte ich ein Missverständnis vermeiden. Ich verteidige nicht die BOM-Regel um jeden Preis. Ich befürworte nicht mal ihre Einsetzung. Wie schon angeführt, bezweifle ich, ob es überhaupt eine zufriedenstellende Regel geben kann. Mein Anliegen liegt auf einer anderen Ebene und geht viel tiefer. Den Punkt „Kosten“ will ich nicht besonders behandeln, denn es gibt andere  Hobbies/ Sportarten, die weit mehr materiellen Einsatz verlangen, als was bei uns üblich ist. Dennoch sollte man diesen Punkt nicht außer Acht lassen. Er könnte zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft in unserer Gemeinde führen, und das sollte man bei der geringen Größe unserer kleinen Welt tunlichst vermeiden. Soviel zu diesem Punkt. Zurück zu meinem Anliegen.

Was mich am meisten beschäftigt ist diese „Konsumenten-Mentalität“, die überall Platz greift. Ein Besuch beim lokalen RC-Flugplatz zeigt das Symptom überdeutlich. In zunehmendem Maße füllen sich die Reihen mit Leuten ohne jegliches Wissen, ohne tieferes Verständnis, ohne das geringste Interesse; ohne die Bereitschaft, sich in die Materie zu vertiefen; ohne den Willen, Mühen auf sich zu nehmen, um dazu zu lernen und sich zu verbessern; ohne ……ALLES! Aber ( teilweise) mit dem dicken Geldbeutel und dem dringenden Wunsch, gleich übermorgen Weltmeister zu sein. Die Folge: die Qualität sinkt, die Quantität steigt. Ich warne: wollen wir das ?!!!
Ein wesentlicher Punkt ist die Bereitschaft  -  bzw. der Mangel daran  -  Arbeit, Mühe, Aufwand, Schwierigkeiten, Versuch und Irrtum, sogar Fehlschläge zu akzeptieren als die zwangsläufigen Stufen zu einem Ziel. Und das muss nicht der Silberpokal oder der Weltmeister-Titel sein. Sondern lediglich die Freude am Tun und der Stolz auf eine selbst erbrachte Leistung. Die meisten Leute wissen gar nicht, dass „Lernen“ nicht eine lästige Aufgabe, nicht ein unangenehmer Umweg, nicht verlorene Zeit ist. Sie wissen nicht, dass Lernen eine interessante Beschäftigung, ein aufregender Prozess, und eine höchst sinnvoll verbrachte Zeit ist. Wenn bestimmte Fertigkeiten erlernt, Produkte sauber erstellt, eine erwünschte Erfolgs-Ebene erreicht ist, dann stellt sich Genugtuung ein, WAHRE Befriedigung. Wettbewerbserfolge mögen sich dann einstellen  -  ein nettes Nebenprodukt. Der wahre Gewinn ist der Respekt und die Achtung, die uns von Gleichgesinnten erbracht wird. Natürlich haben wir vorher einen Preis dafür bezahlt. Aber was ist so falsch daran, den schwierigen Weg zu wählen? Den Weg des Suchens, Lernens, Experimentierens, Kämpfens, Weitermachens. Dieser Weg ist eine wertvolle Schule fürs Leben.

An dieser Stelle möchte ich gerne den Kommentar von Brett Buck (amerikanischer Spitzenpilot) einfügen, den er in einem der Fesselflug-Foren gemacht hat. Der Gruppe der NoBOM-Protagonisten hält er entgegen ( ich versuche so gut als möglich zu übersetzen):
„Mein Interesse am Modellflug führt mich nicht notwendigerweise dazu, den einfachsten und/oder mühelosesten Weg zu irgend einem Ziel zu finden. Tatsächlich finde ich , den Weg mit all den Stufen zu gehen, ist ein weit wertvolleres und befriedigenderes Bemühen. Einen Pokal auf die schnellst mögliche Weise zu bekommen ist nicht der Grund, warum ich Modellflug betreibe. Dies ist der fehlende Faktor in der ganzen BOM-Debatte. Ich (und viele andere) denken, dass die Beschäftigungen, wo man etwas selbst macht, überlegen und attraktiver sind als jene, die einfacher und leichter zugänglich sind.“ Als Fazit schreibt er: „ die ausgezeichnete Leistung ist eine Reise, nicht ein Ziel.“
Ausgezeichnet, Brett ! Man hätte es nicht besser sagen können. Diese Worte erklären alles. Nun haben wir nur noch einen Aspekt übrig, einen sehr wichtigen, vielleicht der wichtigste: Kreativität. Wenn man alle Modellflugkategorien vergleicht, einschließlich Freiflug und RC, wird man feststellen, dass die Kunstflugklassen die kreativen Klassen sind. Und bis jetzt war Fessel-Kunstflug die kreativste (was nicht heißt, dass die anderen nicht kreativ sein könnten; aber aus mancherlei Gründen sind sie es nicht). Wo sonst findet man eine solche Bandbreite verschiedener Ideen, Entwürfe, Konstruktionen, Formen und Farben. Sehr oft kann man sogar vom Design Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Designers/Erbauers ziehen. Wir haben eine fast unbegrenzte Freiheit, unsere eigene Persönlichkeit darzustellen. Wir müssen nicht das ultimative Design haben, das alle haben wollen (und schon haben), die sich davon Wettbewerbsvorteile versprechen. Wir können unsere eigenen Vorstellungen realisieren. Wo sonst bekommen wir das noch? Ganz selten in anderen Klassen, und kaum noch im Beruf. Menschen, die darauf verzichten, wissen nicht, was ihnen entgeht und was sie versäumen. Durch „Kauf“ bringen sie sich um etwas Kostbares und Unersetzliches. Kreativ sein ist die höchste Ebene, die ein Mensch erreichen kann. Warum sollten wir darauf verzichten, diese großartige Erfahrung zu machen.

Kreativ sein ist sicherlich die stärkste Motivation, um selbst ein Flugzeug zu bauen. Nun mag jemand einwenden, seine Kreativität bewege sich nicht gerade auf Experten-Niveau. Nur keine Scheu! Wir müssen nicht das bessere Rad erfinden. Der Begriff der Kreativität beinhaltet auch das „Machen“. Der Vorgang, mittels unserer eigenen Hände unsere Ideen und Vorstellungen in ein Produkt zu verwandeln, ist ein kreativer Prozess. Auch der bloße Ablauf, aus rohen Balsa-Brettern einen komplizierten Rohbau entstehen zu sehen, stellt einen kreativen Prozess dar und ist eine Belohnung für unsere Bemühungen. Warum sonst würden Erbauer hoch befriedigt Fotos vom gerade erstellten Rohbau schießen und seufzen „zu schade, dass es bespannt werden muss!“  -  wenn das nicht ein Moment ehrlich gefühlten Stolzes über eine gerade erbrachte Leistung wäre; die Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein, und die Erwartung weiterer zu meisternder Aufgaben.

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Irgendwie graut mir vor einer Situation, in der Fertigkeiten nicht mehr benötigt werden ( nur weil RTF, ARF, und wettbewerbs-bereit getrimmte Flugzeugen zu kaufen sind). Zuerst verschwinden die Fertigkeiten. Dann verschwindet der Wunsch, diese Fertigkeiten zu erlangen. In der Folge verliert sich der Wert, den diese Fertigkeiten darstellten, und die Bedeutung der Bemühung, um sie zu erlangen. Zum Schluss verschwinden  -  zwangsläufig  -  auch die Werte. Alle. Ich glaube nicht an einfache Argumente ( wie: keine Zeit, Erhältlichkeit, nur Flug-Wettbewerb usw.). Sie treffen nicht den Punkt. Oft kann man sie leicht widerlegen. In vielen Fällen sind sie nur eine schwache Ausrede für Trägheit; den Mangel an Bereitschaft, eine Herausforderung zu akzeptieren, sowie der billige Versuch, die zum Erreichen eines Zieles erforderlichen Mühen zu umgehen. Sorry  -  das funktioniert nicht!
Das Problem ist: wir haben zwei gegensätzliche Lager mit verschiedenen Argumenten  -  und verschiedener Geisteshaltung. Auf einer Seite stehen die einfachen, rationalen, pragmatischen, manchmal oberflächlichen und kurzsichtigen Argumente. Die andere Seite vertritt philosophische Erwägungen darüber, was gut für menschliche Wesen ist, was sind die Inhalte und Werte unseres Sports, und welche Werte wir hochhalten und fördern sollen. Diese Betrachtungen sind schwierig zu formulieren, schwer zu beweisen, und setzen eine bestimmte Geisteshaltung voraus, um verstanden und akzeptiert zu werden. Nichtsdestoweniger ist ihre Aussage wahr und kann nicht widerlegt werden. Es ist jedoch schwierig, diese Inhalte in Regeln zu fassen. Für mich ist das nicht allein eine Uneinigkeit innerhalb unserer Kreise, sondern ein generelles Problem unserer Gesellschaft. Lösungen sind nicht einfach zu finden. Entsprechende Vorschläge sind schon gemacht worden:

  1. zwei getrennte Klassen, eine für Bauer und eine für Käufer. Eine ziemlich schlechte Lösung. Wir sollten unsere ohnehin schon kleine Gesellschaft nicht in weitere Untergruppen teilen.
  2. Die Käufer durch einen minimalen Punktabzug benachteiligen. Wie sollte man den Abzug beziffern? Das ist unklug, psychologisch nicht empfehlenswert, und kontraproduktiv.
  3. Die Erbauer könnten mit einem gewissen Punktebonus belohnt werden, mit einem Sonder-Vorteil, einem Privileg.  Das könnte einige Teilnehmer dazu motivieren, zur Werkbank zurückzukehren und dem Bau des Modells vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken

Da es unzweifelhaft Piloten gibt, die wirklich von der Möglichkeit abhängen, ein Flugzeug zu kaufen, wäre es unklug, ARF und RTF-Modelle zu verbannen. Schließlich sind sie da  -  und sie werden da bleiben. Man bedenke auch die Möglichkeit, dass sie über Umwege neues Blut in unseren Kreislauf bzw. –flug bringen können. Für die FAI sollten wir versuchen, Wege zu finden, die RTF/ARF-Flugzeuge einbinden können, ohne die Erbauer-Philosophie und ihre Werte zu verlieren. Aus meiner Sicht ist es wichtig, jene Werte zu bewahren, die wir seit der Erfindung des Steuersegments (oder seit Menschengedenken, wenn das besser klingt) kennen und schätzen. Es ist heute sehr wichtig, das Interesse am Lernen, Versuchen, Verbessern , sowie den Wunsch nach Kreativität im Denken und Tun zu bewahren und zu fördern.

Die FAI Fesselflug-Gemeinschaft ist eingeladen, Igor Burger’s F2B orientiertes Internetforum als Plattform für eine internationale Diskussion über das Thema „BOM für FAI“ zu benutzen (http://www.rcmodely.sk/Controlline/diskusia.php)

PS. Dies ist die Übersetzung des englischen Textes. Nach der Veröffentlichung gab es schon einige Reaktionen. Es stellte sich jedoch heraus, dass der Inhalt der Aussage teilweise missverstanden wurde. Deshalb noch mal ganz klar:

Es soll nicht (wiederhole: NICHT) um das Einsetzen einer BOM-Forderung in die FAI-Regel diskutiert werden.

Statt dessen werden Vorschläge gesucht, wie man einerseits RTF/ARF-Modelle ins System einbinden kann, andererseits aber auch die Werte des selbst Bauens bewahrt, indem man dieses auf irgend eine Art und Weise belohnt und damit fördert.

Claus Maikis August, 2008

In deutsch kann auch hier diskutiert werden und den englischen Text findet ihr hier

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